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«Ich hatte noch nie von diesem Land gehört.»

Prof. Hongwei GU erzählt, wie sie als Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin in die Schweiz kam, was sie an China vermisst und wo sie im Umgang mit der eigenen Gesundheit Unterschiede zwischen den beiden Ländern sieht. 

Interview mit Frau GU

Frau GU, Was hat Sie dazu bewogen, Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin zu werden?

Prof. Hongwei GU: Als Kind litt ich an mehreren Allergien und war oft krank. Die TCM hat mir damals sehr geholfen. Deshalb war für mich schon früh klar, dass ich Ärztin werden möchte. Ich durfte selbst erleben, dass die Traditionelle Chinesische Medizin wirkt, ohne den Körper zu belasten. Deswegen habe ich mich für diesen Weg entschieden. 

Wie verläuft die Ausbildung zur Ärztin in China?  

Zunächst absolviert man an einer Universität ein fünfjähriges Medizinstudium und praktiziert anschliessend ein Jahr in einem Spital. Nach dem Praxisjahr folgt eine landesweite Prüfung; wer diese besteht, kann danach als Arzt oder als Ärztin praktizieren.

In der medizinischen Grundausbildung werden Schulmedizin und TCM gleichermassen gelehrt. Man kann also nach dem Studium sowohl eine schulmedizinische Richtung einschlagen oder sich im Bereich der TCM spezialisieren. Ich habe mich dafür entschieden, im Anschluss einen Master in Traditioneller Chinesischer Medizin zu machen. Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist auch die enge Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und TCM.

Wie sind Sie in die Schweiz gekommen?

Das war eher Zufall als eine bewusste Entscheidung. Ich war in Deutschland, um Deutsch zu lernen. Nachdem ich die Prüfung auf Niveau B1 bestanden hatte, habe ich online nach einer Stelle gesucht und bin dabei auf ein Inserat der China-MedCare gestossen – dort wurde eine TCM-Ärztin in der Schweiz gesucht. Ich hatte noch nie von diesem Land gehört, wusste also auch nicht, wo es liegt, und musste zuerst auf einer Karte nachschauen. Damals war die Schweiz in China noch nicht so bekannt wie heute.

Herr Schütz (der Geschäftsführer der China-MedCare, Anm. der Red.) hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits einen Arzt für die Praxis. Trotzdem hat er mich zu einem Gespräch eingeladen. Das war am 12. April 2011, an dieses Datum erinnern wir uns beide noch sehr genau.

Mir ist wichtig, dass meine Patientinnen und Patienten verstehen, warum ich etwas mache und wie die Behandlung funktioniert.

Prof. Hongwei GU
Können Sie etwas von diesem Tag erzählen?

Ich kam mit dem Auto aus Deutschland, die Landschaft war wunderschön. Es war Frühling und überall blühte die Natur. Mit Herrn Schütz sind wir zum Mittagessen an den Faulensee gefahren. Mir hat es sofort gefallen. Auch bei der Arbeit hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass ich mich verständigen konnte.

Was fehlt Ihnen am meisten, wenn Sie an Ihre Zeit in China denken?

Meine Arbeit hier gefällt mir sehr gut, beruflich fehlt es mir an nichts. Aber meine Familie und die chinesische Kultur vermisse ich. Ganz besonders fehlt mir tatsächlich das chinesische Essen. Ich kann zwar vieles selbst kochen, aber es ist nicht das Gleiche. Richtig kochen gelernt habe ich erst in der Schweiz, weil ich das chinesische Essen vermisst habe. 

Was hat Ihnen geholfen, in der Schweiz anzukommen?

Ich habe mich schnell zurechtgefunden. Am Anfang habe ich mit einer chinesischen Übersetzerin gearbeitet. Das war jedoch nicht ideal, weil sie keine medizinischen Fachkenntnisse hatte. Ich habe gemerkt, dass es für mich wichtig ist, direkt mit meinen Patienten sprechen zu können. Deswegen habe ich nach einem halben Jahr auf die Übersetzerin verzichtet. Der direkte Kontakt mit den Patienten ist wirklich wichtig und wird auch geschätzt, wie die Auslastung meiner Praxis zeigt, die schnell erfolgreich war. 

Was ist an Ihrer Arbeit als Ärztin in der Schweiz anders als in China? 

In China war ich einfach Ärztin und musste keine strenge Trennung zwischen Schulmedizin und TCM machen. Dort sind wir ganz normale Ärzte und können auch schulmedizinische Massnahmen anordnen. Hier in der Schweiz gelten TCM-Ärzte als Therapeuten, ich darf mich also nur in einem engen Rahmen im Bereich TCM bewegen. Das war am Anfang ungewohnt.

Auch die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist anders. In China haben die Menschen grossen Respekt vor medizinischem Fachwissen und vertrauen den Ärztinnen und Ärzten – man muss oft gar nicht viel erklären. Hier in der Schweiz ist das anders: Ich muss deutlich mehr erklären, weil das Wissen über die TCM bei vielen nicht vorhanden ist und sie ihr teilweise skeptisch gegenüberstehen. Das Erklären nimmt hier fast mehr Zeit in Anspruch als die eigentliche Behandlung. Mir ist wichtig, dass meine Patientinnen und Patienten verstehen, warum ich etwas mache und wie die Behandlung funktioniert.

Die Menschen in der Schweiz kommen insgesamt auch weniger häufig oder später in Behandlung zu mir, oft schlicht deshalb, weil sie nicht wissen, dass ihnen die TCM helfen könnte.

Ist die Einstellung der Menschen in der Schweiz zum Thema Gesundheit anders als in China?

Ja, die ist grundverschieden. In China ist Gesundheitsvorsorge zentral und hat einen festen Platz im Alltag der Menschen, etwa in Form von Thai-Chi oder Ernährung. Das ist in der Schweiz anders. Wenn in China jemand Beschwerden hat, versucht er es zunächst mit TCM, weil diese Therapien oft sanfter zum Körper sind. Erst danach kommt die Schulmedizin. In der Schweiz ist es umgekehrt: Viele kommen zu mir, wenn die Schulmedizin nicht mehr weiterkommt. Viele sagen mir dann, ich sei ihre letzte Hoffnung. Mir wäre es lieber, ich wäre ihre erste Anlaufstelle.

In der Schweiz gilt auch die Maxime, dass man sich erst medizinisch behandeln lässt, wenn man krank ist. Dabei ist der Gesundheitszustand ein Spektrum mit vielen Abstufungen zwischen gesund und krank. Je früher man sich darum kümmert, umso besser. Die TCM kann immer helfen, aber Erfolge brauchen entsprechend länger, wenn jemand erst kommt, nachdem alles andere nicht geholfen hat.

Sind die Beschwerden, die Sie hier behandeln anders als in China?

Vieles ähnelt sich. Gewisse psychische Belastungen wie Burnout oder Depressionen sind hier allerdings häufiger. Viele psychische Probleme sind in Europa häufiger, obwohl die Lebensbedingungen eigentlich besser sind. Ich vermute, dass viele Menschen in China einfach weniger Zeit haben, um über ihr Leben nachzudenken.

Auch unruhige Beine, die sogenannten restless legs, kommen in Europa deutlich öfter vor als in China. Dafür haben wir in Asien spezielle Magenprobleme, die es hier quasi nicht gibt.

Wären Sie froh, wenn die Menschen in der Schweiz mehr über TCM wissen? 

Ja, sehr. Wir könnten viel mehr Menschen unterstützen, beispielsweise beim Genesungsprozess nach einem Schlaganfall. Hier fehlt oft das Wissen über die Möglichkeiten. Auch bei psychischen Problemen, Wechseljahrbeschwerden oder Heilungsprozessen nach Operationen kann die TCM helfen. In China kommen die TCM-Ärzte nach der Operation ans Spitalbett, um möglichst früh mit der Therapie zu beginnen. Die Zusammenarbeit zwischen TCM und Schulmedizin ist enger und etablierter, weil ja jeder Arzt beide Ausbildungen absolviert hat, jede Schulmedizinerin also auch eine TCM-Ausbildung hat. Es ist schade, wenn die Menschen gute Gelegenheiten nicht wahrnehmen können, weil sie zu wenig bekannt sind. Eine intensivere Zusammenarbeit würde ich mir auch für die Schweiz wünschen.

In der Schweiz zweifeln viele an der wissenschaftlichen Basis der TCM. Doch was bedeutet wissenschaftlich? Wenn wir seit tausenden von Jahren sehen, dass etwas funktioniert, hat es ja durchaus Evidenz. In der Schulmedizin in der Schweiz ist Messbarkeit wichtig, etwa in Form von Laborwerten. Und auch die Sichtbarkeit hat einen hohen Stellenwert, deswegen sind bildgebende Verfahren so zentral, weil man dadurch gesundheitliche Probleme sehen kann. Wenn man einen Befund sieht oder ein Laborwert überschritten ist, gilt man als krank – wenn nicht, ist man gesund. In der TCM gehen wir davon aus, dass der Weg vom gesunden zum kranken Menschen lang ist und man auch unterwegs schon viel bewirken kann. Bei uns sind andere Diagnosewerkzeuge wie der Augenschein durch den Arzt wichtig, wo der Mensch in seiner Ganzheit betrachtet wird. 

Was empfehlen Sie Menschen, die sich für TCM interessieren?

Wenn jemand merkt, dass mit seinem Körper etwas nicht stimmt, kann er kommen. Der Körper zeigt alles. Das können auch Beschwerden sein wie Müdigkeit oder Schlafprobleme; die TCM hilft dabei, wieder in Balance zu kommen. Man muss nicht warten, bis man krank wird, halbkrank reicht :-). 

Geschichte von Bian Que und dem Herzog Huan

Einst begegnete der berühmte Arzt Bian Que (ca. 407–310 v. Chr.) dem Herzog Huan von Cai. Bian Que war bekannt für seine aussergewöhnlichen diagnostischen Fähigkeiten: In der Traditionellen Chinesischen Medizin untersuchte er seine Patientinnen und Patienten durch Beobachtung, Zuhören, Befragung und Pulsdiagnose.

Als er den Herzog sah, fiel ihm sofort auf, dass dieser nicht gesund wirkte. Er sagte zu ihm: „Eure Krankheit sitzt noch an der Oberfläche, in der Haut. Sie lässt sich leicht behandeln, aber Ihr müsst schnell handeln, sonst wird sie schlimmer.“ Der Herzog jedoch wies ihn schroff zurück. Anschliessend machte er sich über den Arzt lustig und unterstellte ihm, er wolle nur seine Fähigkeiten zur Schau stellen und Geld verdienen.

Zehn Tage später traf Bian Que den Herzog erneut. Wieder warnte er ihn: „Die Krankheit ist weiter fortgeschritten und sitzt nun tiefer im Körper. Wenn Ihr sie nicht behandeln lasst, wird sie sich verschlimmern.“ Doch der Herzog ignorierte ihn erneut.

Weitere zehn Tage vergingen. Bian Que suchte ihn ein drittes Mal auf und erklärte: „Die Krankheit hat nun Magen und Darm erreicht. Ohne Behandlung könnten die Folgen schwerwiegend sein.“ Wieder schenkte der Herzog seinen Worten keinen Glauben.

Als Bian Que ihn zehn Tage später ein weiteres Mal sah, drehte er sich sofort um und ging. Der Herzog liess ihn daraufhin zurückholen und verlangte eine Erklärung. Bian Que antwortete: „Zu Beginn war Eure Krankheit oberflächlich und leicht zu behandeln. Dann drang sie in die Muskeln ein, später in die inneren Organe; auch das hätte man noch behandeln können. Jetzt aber ist sie bis ins Knochenmark vorgedrungen. In diesem Stadium kann selbst ich nichts mehr für Euch tun.“

Wenige Tage später wurde der Herzog schwer krank und litt unter grossen Schmerzen. Er liess nach Bian Que suchen, doch dieser war bereits in einen anderen Staat geflohen. Kurz darauf starb der Herzog.

hongwei-GU
Zur Gesprächspartnerin

Prof. Hongwei GU ist eine langjährige TCM-Therapeutin mit über 25 Jahren Erfahrung als praktizierende Ärztin, Chefärztin, Professorin und eidg. diplomierte Naturheilpraktikerin Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Sie verfügt über einen Masterabschluss und hat eine achtjährige Universitätsausbildung zur Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin in China absolviert. Neben ihrem hohen Spezialisierungsgrad und ihrem grossen Fachwissen zeichnet sich Hongwei GU auch über viel Einfühlungsvermögen und ein gutes Gespür für ihre Patientinnen aus.