Akupunktur ist besonders bei Patientinnen und Patienten in Ländern Amerikas und Asiens sehr beliebt und weit verbreitet. In Europa hingegen wird die Traditionelle Chinesische Medizin von der Schulmedizin teilweise kritisch gesehen, obschon zahlreiche Studien die Wirksamkeit von Akupunktur bei bestimmten Beschwerden oder Krankheiten belegen.
Um die Aussagekraft der Ergebnisse einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die Bedingungen der oben erwähnten Metastudie: So wurden sämtliche Untersuchungen nach strengen wissenschaftlichen Standards durchgeführt, es gab jeweils eine Vergleichsgruppe, die nur scheinbar mit Akupunktur behandelt wurde, um Placebo-Effekte ausschliessen zu können. Ausserdem musste die Akupunktur nach einem standardisierten Verfahren durchgeführt werden: Die Patientinnen und Patienten wurden ausschliesslich mit Akupunktur behandelt und es war vorgegeben, welche Akupunkturpunkte gestochen werden. Ergänzungen und Abweichungen waren nicht erlaubt.
Traditionelle Chinesische Medizin setzt auf eine individuelle Behandlung
Im Unterschied dazu behandelt die Traditionelle Chinesische Medizin die Patientinnen und Patienten individuell und ganzheitlich, d.h. für das gleiche Krankheitsbild werden je nach Bedarf unterschiedliche oder zusätzliche Akupunkturpunkte gestochen. Auch Frau Gu in Langnau und Frau Li und Herr Lin in Lyss behandeln ihre Patientinnen und Patienten individuell. Wissenschaftliche Studien verlangen jedoch nach standardisierten Verfahren und einer identischen Behandlung bestimmter Krankheitsbilder und stossen deshalb bei der Traditionellen Chinesischen Medizin an ihre Grenzen.
Akupunktur ist zudem nicht die einzige Behandlungsform der Traditionellen Chinesischen Medizin, sondern die Wirksamkeit einer Behandlung kann durch weitere Methoden unterstützt werden, namentlich durch Phytotherapie, Schröpfen, Ernährungsberatung, Tuina-Massage, Moxibustion und Ohrakupunktur. Diese Vielfältigkeit kann in einer wissenschaftlichen Studie nicht berücksichtig werden, was gemäss Frau Gu auch der Grund dafür ist, dass die Wirksamkeit der Traditionellen Chinesischen Medizin nicht abschliessend durch wissenschaftliche Studien belegt werden kann.
Bei einer wissenschaftlichen Studie wird die Wirksamkeit (Evidenz) eines bestimmten Medikamentes oder einer bestimmten Behandlung beurteilt und einer der folgenden Stufen zugeordnet:
- Wirksamkeit (Evidenz) für einen positiven Effekt,hohe Qualität
- Wirksamkeit (Evidenz) für einen möglicherweise positiven Effekt, moderate bis hohe Qualität
- Unklare/unzureichende Wirksamkeit (Evidenz), niedrige oder sehr niedrige Qualität; oder widersprüchliche Wirksamkeit
- Keine Evidenz für einen Effekt/Evidenz für keinen Effekt, durchgängig niedrige oder sehr niedrige Qualität
Die Studie der SMS – International Society for Chinese Medicine – kam zum Ergebnis, dass folgende zehn Krankheiten mit einer hohen Wirksamkeit (Stufe 1) mit Akupunktur behandelt werden können:
- Chronische Schmerzen: Rücken- oder Nackenschmerzen, Schulterschmerzen, chronische Kopfschmerzen oder Schmerzen bei Arthrose
- Postoperative Übelkeit und Erbrechen
- Kreuzschmerzen
- Kniearthrose
- Migräneprophylaxe
- Spannungskopfschmerz
- Krebsbedingte Müdigkeit (Fatigue)
- Menopause
- Weibliche Infertilität (zusätzlich zur reproduktionsmedizinischen Behandlung)
- Chronische Prostatitis
Der 2. Stufe – Wirksamkeit mit möglichem positivem Effekt – konnten auf Grund der Studie die Behandlung folgender Krankheiten oder Beschwerden zugeordnet werden:
Die Tabelle zeigt auf, dass gut 80 Krankheitsbilder mit Akupunktur behandelt werden können. Wenn wir davon ausgehen, dass eine Krankheit in der Traditionellen Chinesischen Medizin nicht nach einem vorgegebenen Muster, sondern nach individuellem Bedarf behandelt wird, ist die Vielzahl der Erkrankungen auf der 2. Stufe beeindruckend. Frau Gu ist der Ansicht, dass nicht ausschliesslich Studien, sondern auch die Erfahrung aus der täglichen Behandlung zur Verbesserung der medizinischen Praxis beitragen kann. Deshalb sieht sie den Dialog zwischen Ärztinnen und Ärzten als wichtigen Bestandteil der Weiterentwicklung der Traditionellen Chinesischen Medizin – einer Medizin, die sich seit Jahrhunderten durch die Weitergabe und den Austausch von Erfahrungen fortentwickelt.
Christian Schütz
Geschäftsführer der China-MedCare